Ciao Albrecht

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Ciao Albrecht

Ciao Albrecht

Andreas

Mia verzichtete auf Trauerkleidung. Sie wollte sich von Albrecht in der Kleidung verabschieden, die er an ihr kannte und liebgewonnen hatte. Sie strich den kurzen Schottenmini glatt, zu dem sie eine schwarze Bluse gewählt hatte. Klassische Doc Martens Stiefel und eine Lederjacke im Ramones-Style brachten auch bei Bernd Kortner bestimmte Erinnerungen zurück. Mia war keine 18 Jahre alt, als er sie kennenlernte. Damals ging er noch auf Streife, während der Polizist seit einigen Jahren zu den Pensionären gehörte. Mia arbeitete als Kuratorin in Tübingen. Die 34-jährige Frau hatte nichts von ihrer Schönheit verloren. Bernd drückte ihre Hand, als sie gemeinsam die Aussegnungshalle betraten. Außer den fünf Freunden hatten sich frühere Kunden und Bekannte von Herrn Roth versammelt. Da er keine eigenen Kinder hatte, waren nur wenige Familienmitglieder zu seiner Beerdigung gekommen. Mia erkannte einen Neffen und eine Nichte, die Herrn Roth vor Jahren besucht hatten. Im Grunde war sie selbst zusammen mit Sina, Hanna, Bernd und Alex seine Familie gewesen. Bernd hatte einen Trauerredner engagiert, der seine Sache hervorragend machte. Er berichtete von Albrechts Leben, das nicht immer geradlinig verlief. Da waren die langen Jahre, die er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft verbrachte. Dann der Neubeginn in der Bundesrepublik Deutschland, wo er seine große Liebe fand. Marlies wurde seine Frau, die er bis zu ihrem Tod und auch darüber hinaus liebte. Bernd hatte dem Redner auch von Mia und Sina berichtet, die für Albrecht wie Enkelinnen waren. Der Trauerredner betonte Albrechts Verbundenheit zu jungen Menschen und sein Verständnis für die Sorgen seiner Mitmenschen. Seine Verwandten warfen Mia, Sina und Hanna verstohlene Blicke zu, die eine Mischung aus Scham, Unverständnis und Empörung spiegelten. Mia kümmerte sich nicht darum. Sie hakte sich bei Sina ein, als sie an Albrechts Grab standen. Hanna warf ihren Strauß in die Tiefe, nachdem die anderen Gäste Albrecht weiße Rosenblüten mit auf seine letzte Reise gaben. Bernd schlug vor, dass sie im Nebenzimmer eines Restaurants einen Toast auf Albrecht aussprechen sollten. Sie saßen zu fünft an einem Tisch, als Bernd sein Glas erhob. „Auf Albrecht Roth. Den besten Freund, den man haben kann!“ Alle stießen miteinander an, wobei sie sich tief in die Augen sahen. Bald drehten sich die Gespräche um den Verstorbenen. „Ich werde nie vergessen, wie ich Albrecht kennengelernt habe.“ Mia war sichtlich berührt, als sie ihre Erinnerung teilte. „Wo war das denn?“, wollte Hanna wissen. Mia nahm einen Schluck Wein, ehe sie antwortete. „In seinem Korbwarenladen. Bernd brachte mich dorthin, um einen gewissen Gegenstand zu kaufen.“ Mia musste lachen, während Bernd verlegen grinste. „Einen Rohrstock für mich und stellt euch vor, was dann passiert ist. Albrecht bat mich, die Jeans runterzulassen. Er war so höflich, als wäre es ganz normal. Er sagte, dass er Maß nehmen müsse, um zu sehen, welches Stöckchen für meinen Popo das Richtige sei.“ Nun wurde Sina neugierig, die mir roten Wangen nachhakte. „Und hast du ihn nachsehen lassen?“ „Das kannst du dir doch denken! Ich hatte eine Unterhose von Bernd an, weil meine Sachen in der Wäsche waren. Herr Roth hat diesen Umstand ignoriert und seelenruhig meinen Po inspiziert. So habe ich ihn das erste Mal gesehen, wobei ich ihn erst etwas später richtig kennengelernt habe.“ Mia berichtete von dem Tag, als sie wegen Schwänzens des Schulunterrichts von Herrn Roth übers Knie gelegt wurde. Sinas Wangen glühten bei Mias Schilderungen, die sie aus eigener Erfahrung sehr gut nachvollziehen konnte. Sina war inzwischen 25 Jahre alt. Sie hatte sich mit Alex verlobt, kurz bevor Herr Roth seinen 90. Geburtstag feierte. An diesem Tag hätte sie sich gerne über seinen Schoß gelegt, aber Herr Roth fehlte die Kraft, um einem bedürftigen Mädchen den Hintern zu versohlen. „Lass das den Alex machen, Sinchen! Der ist jung und stark und kann dir eher geben, was du brauchst. Ich hab dich ja oft genug übers Knie legen dürfen, mein kleiner Engel. Oder sollte ich lieber Bengel sagen? Wobei das eine das andere nicht ausschließen muss. Ich fühle mich jedenfalls außerstande, um solche aufregenden Erziehungsmaßnahmen durchzuführen. Da möchte ich Alex den Vortritt lassen! “ Sina erinnerte sich an das Gelächter, als Albrecht diesen Scherz machte. Hanna hatte auch eine entsprechende Geschichte beizusteuern. „Mich hat es damals kurz vor Weihnachten erwischt. Ihr erinnert euch doch an unser gemeinsames Fest? Albrecht fand es nicht so gut, dass ich eine Stammkundin verärgert habe, als ich in seinem Laden aushalf. Ich werde nie vergessen, wie er mich übers Knie gelegt hat. Ich dachte, ich sterbe, als er mir die Leggins runtergezogen hat und dann sogar noch meinen String. Ich hätte nie gedacht, dass ein 82-jähriger Mann über eine solche Handschrift verfügt. Ich weiß noch genau, wie schwer mir das Sitzen danach gefallen ist!“ Die hübsche Frau lachte, während sie sich verlegen durch das Haar fuhr. Bernd legte eine Hand auf Mias Schenkel. Er spürte ihr festes Fleisch unter der blickdichten, schwarzen Strumpfhose. „Albrecht hätte dein heutiges Outfit sehr gut gefallen, Mia! Ich höre ihn noch, nachdem ich dich ihm vorgestellt hatte. Er sagte, dass es ja praktisch wäre, wenn du solche knappen Miniröcke als Kleidung bevorzugst. Röcke seien sowieso das beste Kleidungsstück für ungezogene Mädchen. Viel praktischer als Jeans stellte er mit Nachdruck fest. Albrecht hat mit dieser Einschätzung, wie so oft, völlig recht gehabt!“ Trotz der ausgelassenen, nostalgischen Stimmung legte sich eine Traurigkeit über die fünf Freunde.

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