„Mein kleiner Bruder..." Ich sah immer einen rotznasigen Jungen mit schorfigen Knien und klebrigen Pfoten vor mir, wenn Bennet ihn erwähnte, und das tat er oft. Doch meine Vorstellung trog.„Auch mein kleiner Bruder ist rechtzeitig zurückgekommen, um unseren Vater an diesem Tag zu feiern." Bennet versteht es wunderbar, die verschmitzte Ironie in diesen Worten zum Ausdruck zu bringen. Pflichtschuldig drehen sich alle Köpfe zu Leon, und er lächelt und schlägt die Augen nieder, als könne er so der Aufmerksamkeit entkommen. Ich wende meinen Blick von ihm und richte ihn an die Decke. Die dicke schwarze Fliege, die es als einzige wagte, mit ihrem Triebwerksbrummen Bennets Begrüßungsrede zu stören, ist endlich aus ihrer Umlaufbahn getrudelt und touchiert eine der brennenden Glühbirnen des Kronleuchters. Ich scheine die einzige zu sein, die ihren Absturz verfolgt, knapp neben das Tablett mit den Sektkelchen, in denen bald der Champagner schäumen wird. „Schaut genau hin. Bewahrt euren klaren Blick, lasst euch nicht zu sehr ins Geschehen ziehen." Oh ja, ich habe sie verinnerlicht, die Worte des Lehrers an der Journalistenschule, zu sehr fast. Manchmal wünsche ich mir, weniger die innerliche Außenseiterin zu sein, doch auch jetzt stehe ich in der hintersten Reihe, ein wenig abseits von den anderen in der Beobachterposition, die ich so liebe. Wie fast alles im Leben von Bennets Familie verspricht auch dieser Tag tadellos zu verlaufen. 65 wird er, mein Schwiegervater in spe, und alle sind sie dem Ruf der geprägten Einladungskarten gefolgt: Familie, Freunde, die Mitglieder der örtlichen Rotarier und des Golfclubs. Nachdenklich betrachte ich den Jubilar. Er hat sich gut gehalten: das eisgraue Haar noch immer voll, die Haltung straff und aufrecht, der kleine Bauchansatz kaschiert durch seinen perfekt sitzenden Maßanzug. Selbstverständlich ist er in der Lage, seine internistische Praxis weiterzuführen, bis sich sein älterer Sohn entschieden hat, ob er sie übernimmt oder seine Karriere im Krankenhaus fortsetzt. „Das nächste Fest wird unseres sein", hat Bennet heute morgen mit einem Lächeln in der Stimme gesagt und flüchtig meinen Nacken geküsst, während er den Verschluss meiner Kette einhakte. Ich nickte und bückte mich, um in meine Lackballerinas mit der unschuldigen Audrey-Hepburn-Aura zu schlüpfen. Ja, er hatte recht, in drei Monaten würden wir heiraten; es wurde Zeit, dass ich mir Gedanken über Menüfolgen und Gästelisten machte. Oft schon habe ich mich gefragt, ob Bennet meinen Jagdinstinkt auch dann geweckt hätte, wenn ich ihm nur zufällig auf der Straße begegnet wäre. Ich denke schon - ich hoffe es auf jeden Fall.
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