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Patricia Lester

„Graue Maus“, „alte Jungfer“, mit solchen Ausdrücken belegten die Kollegen Daniela hinter ihrem Rücken, was sie sehr wohl wusste. Aber was diese nicht ahnten, das war Danielas Doppelleben. Sie war mit Anfang vierzig nicht gerade attraktiv, aber sie konnte etwas aus sich machen, allerdings nicht im Büro. Dort hatte sie meistens unscheinbare, dunkle Kleidung an, trug nur wenig Make-up und schützte bei Veranstaltungen eine ihrer Migränen vor. Zu gut hatte sie noch ihre frühere Stellung in Erinnerung, die sie durch ihren Leichtsinn verloren hatte. Es war schon fünf Jahre her, sie hatte gerade erfahren, dass ihr Mann sie nach Strich und Faden betrog, und wusste nicht mehr aus und ein. Sie würde es nie vergessen. Damals begannen auch die kleineren Betriebe, die alten Schreibmaschinen durch Computer zu ersetzen. Und so saß Daniela an einem schönen Morgen Anfang Mai vor einem Bildschirm, während ein Techniker ihr die Grundbegriffe einzutrichtern versuchte. Es war ein Mann mit einem dunklen Schnauzer, einem ansehnlichen Bierbauch, einem ebenso dunklen Wuschelkopf und einer ungeheuer schnellen Sprechweise. Außerdem hatte er einen Blick, der sie verlegen machte. Er war nicht diabolisch oder durchdringend, sondern sandte etwas aus, das sie in den letzten Jahre ihrer Ehe vermisst hatte. Seine Augen schienen über ihren Körper hinwegzugleiten und ihn zu streicheln und zu liebkosen, als läge sie nackt auf einem Bett. Dabei hatte sie ein schlichte Bluse an, bei der nur der oberste Knopf offen stand. Ihr Rock ließ die Knie frei und zeigte sonst nichts.
„Das ist ganz einfach. Hier, da anklicken oder Doppelklick, ziehen, dann ist der ganze Text markiert.“ Daniela beugte sich vor, um besser zu sehen. Ihr Arm streifte die Schulter des Mannes, und sie spürte, wie er schauderte. „So kommen Sie wieder auf die Festplatte. Soll ich Ihnen ein Spiel installieren?“ Seine Finger hatten ein gewisses Vibrato, als er mit raschen Bewegungen ein neues Programm auf den Bildschirm zauberte.
„Nein, danke. Aber ich möchte zu Hause auch einen Computer haben.“ Warum sie das gesagt hatte, wusste sie später nicht mehr genau. Natürlich schrieb sie viel privat. Sie hatte gerade einen Fernlehrgang für Belletristik belegt, da sie sich auf dem Weg zum Schriftstellertum wähnte. Aber war es notwendig? In diesem Augenblick erschien es ihr nur wichtig, diesen Mann wiederzusehen.

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Gedichte auf den Leib geschrieben