Es war noch nicht richtig hell im Zimmer, als Regina sich aus dem Bett stahl und ihre Sachen zusammensuchte, die kreuz und quer über den Fussboden verstreut waren. Leise schlüpfte sie in die Wäsche, das T-Shirt und die Jeans. Als sie den Reissverschluss zuzog, hörte sie vom Bett ein verschlafenes Stöhnen, und die Bettdecke bewegte sich. Sie erstarrte einen Moment, dann schnappte sie sich ihre Jacke und stürmte aus der Wohnung. Die Tür fiel geräuschvoll hinter ihr ins Schloss.
Unten auf der Strasse blieb sie erst einmal stehen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Mann Bernd war für ein paar Tage mit Freunden weggefahren und hatte das Auto mitgenommen. Mit dem Taxi würde es unverschämt teuer werden. Also blieb nur noch der Vorortezug.
Die Sonne ging gerade auf, als sie den Bahnhof erreichte. Der erste Zug kam zum Glück in wenigen Minuten. Sie liess sich auf einen Fensterplatz im leeren Abteil fallen und starrte hinaus.
Eigentlich hatte sie es gar nicht geplant, sie wollte einfach nicht länger allein zu Hause sitzen, sondern noch was trinken gehen und sich ein wenig unterhalten, und dann war alles ganz anders gekommen. Nie hätte sie sich für fähig gehalten, ihren Mann zu betrügen. Schön, es stand mit ihrem Sexleben nicht zum Besten, aber dafür waren sie die besten Freunde, teilten sich die Pflichten und Freuden des Alltags und konnten unbedingt aufeinander zählen. Ihr Leben war wohlgeordnet und friedvoll. Und das hielt sie bisher auf Dauer für das Wichtigste.
Regina drückte die Stirn an die kalte Glasscheibe und seufzte leise, als sie an die letzte Nacht dachte. Sie hatte vorher gar nicht gewusst, an welchen Stellen sie überall erregbar war, und auch nicht, dass sie mehr als einen Orgasmus haben konnte. Schmerzlich schloss sie die Augen. Nein, sie würde kein Wort davon zu ihm sagen. Sie würde alles schleunigst vergessen und zurückkehren zu ihrem gleichförmigen Leben, ihren vorgetäuschten Höhepunkten und den Ersatzhandlungen unter der Dusche. War doch auch die letzten drei Jahre so gegangen. Und das gar nicht mal schlecht.
Uferlos
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