Sie lagerten auf dem Dorfanger. Eingestaubt nach über 40 km Marsch vom nächstgelegenen Ausladebahnhof waren sie gegen Abend in unser Dorf gekommen. Morgen würden sie die Reichsgrenze überschreiten. Schon bald in die Kampfhandlungen verwickelt werden, die seit einigen Tagen jenseits der Grenze tobten. Bald würden die Ersten tot sein. Aber diese Nacht verbrachten sie in unserem Dorf. In der Schule war eine zentrale Essensausgabe eingerichtet. Wer irgendwo in den Scheunen der Dorfbewohner unterkam, durfte dort schlafen. Der Rest musste seine Zelte aufbauen.
Ich saß vor dem Haus und betrachtete das Treiben. Die Sonne stach noch heiß vom Himmel, obwohl der Abend nahte. Auf der Pferdekoppel gegenüber meinem Haus grasten ein paar Trakehner umschwärmt von Myriaden Fliegen, denen sie sich mit ihren schlagenden Schweifen zu erwehren suchten.
Ich trug ein luftiges, ärmelloses Sommerkleid. Mit Wohlgefallen betrachtete ich meine Arme. Goldbraun getönt bis hoch zu den Schultern, der regelmäßigen Gartenarbeit sei Dank. Wenn ich genau hinsah, konnte ich zwischen den feinen Härchen klitzekleine Sommersprossen entdecken. Ich wusste, bis zum Herbst würden diese noch deutlicher zum Vorschein kommen.
Meine Schenkel waren unter dem Kleid verbogen. Schöne Schenkel, feste Schenkel. Nicht ganz so braun wie die Arme, denn nur im Garten hinter dem Haus, wo mich niemand sehen konnte, zwischen Brombeersträuchern und Bohnenstangen wickelte ich meine Kleider hoch bis kurz davor, dass es unanständig würde.
Als eine Gruppe näherkam, die zur Essensausgabe wollte, erstarrte ich, die kleinen Härchen an meinen Armen stellten sich auf. Es war, als ob ich fröstelte!
Fritz? Nein, das war ja völliger Blödsinn. Fritz, mein geliebter Fritz, war gefallen – im Westen, irgendwo vor Dünkirchen. Der Bürgermeister stand eines Tages vor meiner Tür, betreten nach unten schauend. Er überbrachte mir die Todesnachricht. Für Führer, Volk und Vaterland sei er gefallen. Was man heutzutage so sagte.
Das war kein Trost für mich gewesen. Ich würde nie wieder mit ihm lachen, streiten, lieben – nein, ich war mit 21 Jahren Witwe! Das war jetzt etwas länger als ein Jahr her. Vor Wochen hatte ich endlich das Schwarz abgelegt.
Vom Leben kosten
Margot – Eine Geschichte unter vielen in ihrer Zeit – Teil 1
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