Endlich schlug ich die Augen auf – unter den gestrengen Augen des Führers, der gerahmt von der Wand des Geschäftszimmers herabblickte.
Wie hieß es so schön? Das Leben musste weitergehen, schon wegen der beiden Jungs. Fritz und sein kleiner Bruder Martin, Karls Sohn, warteten auf mich. Für sie musste ich kämpfen.
Ich schaute in das besorgte Gesicht des Oberleutnants, der sich auf einem Stuhl direkt vor mir platziert hatte. „Geht es wieder?“
Mir liefen jetzt die Tränen, aber ich nickte tapfer. Er suchte nach einem Taschentuch und zauberte tatsächlich ein sehr sauber wirkendes Stofftuch aus seiner Feldbluse. Aus seiner Sprachmelodie hörte ich unleugbar heraus, dass ich noch einen Ostpreussen vor mir hatte.
„Woher kommen Sie in Ostpreussen?“
Es stellte sich heraus, dass ich richtig lag. Sein Elternhaus hatte nur etwa dreißig Kilometer von unserem Dorf gelegen.
„Ist abgebrannt beim Vormarsch der Russen“, fügte er noch lakonisch an.
Ein Heimatloser wie ich. Beide wussten wir, dass es kein Zurück geben würde.
„Haben Sie Karl gekannt?“
„Gekannt wäre zu viel gesagt. Wir sind uns ein paar Mal über den Weg gelaufen, als ich noch beim Regiment war. Ich war Zugführer in der 7ten und er Melder in der 8ten Kompanie. Nach meiner Verwundung im Sommer 43 bin ich dann hier zum Ersatztruppenteil gekommen.“
„Was machen sie, wenn das hier alles vorbei ist?“
Erschrocken zuckte er zusammen, wollte sich umschauen. Aber es war ja niemand im Geschäftszimmer außer uns beiden.
„Sagen sie nicht so etwas! Das ist gefährlich. Wir glauben doch alle an den Endsieg.“ Er kicherte bitter. „Aber sie haben recht. Der Russe steht vor Berlin, die Amerikaner sind bereits über die Weser. Ein paar Tage noch, dann ist der Spuk vorbei.“
„Wenn Sie gar nicht wissen wohin, … ich meine hinterher, ich bin in Hohenziatz untergekommen, ein Dorf ein paar km westlich von hier und man glaubt es kaum, ein bisschen Platz hätten wir noch. Meinen Nachnamen kenne sie ja. Fragen sie nach Margot.“
„Ich heiße Johannes. Johannes Bärenfänger.“ Er grinste mich schief an und half mir mit seinem einem Arm galant vom Schreibtisch. Auf mein Angebot ging er nicht ein.
Vom Preis für‘s Überleben
Margot – Eine Geschichte unter vielen in ihrer Zeit – Teil 3
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Vom Preis für‘s Überleben
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