Vom Preis für‘s Überleben

Margot – Eine Geschichte unter vielen in ihrer Zeit – Teil 3

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Vom Preis für‘s Überleben

Vom Preis für‘s Überleben

Svenja Ansbach

Es war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel um. Das heißt, ich wäre umgefallen, wenn es dem namenslosen Oberleutnant nicht gelungen wäre, mich trotz seines Handikaps aufzufangen. Irgendwie gelang es ihm sogar, mich mit seinem gesunden Arm haltend auf die fast leere Schreibtischplatte gleiten zu lassen, damit ich nicht auf dem Boden liegen musste. Das war das Letzte, was ich wahrnahm, bevor mich die Ohnmacht gnädig umfing.
Bald kam ich wieder zu mir, ließ aber die Augen geschlossen und rührte mich nicht. Wollte ich diese Welt noch einmal wiedersehen? Die Welt, die nur aus Tod und Zerstörung und wieder Tod bestand. Ich musste meine Gedanken sortieren, vor allem klare Gedanken fassen. Karl war tot! Das erschütterte mich ins Mark.
Ich mochte es mir kaum eingestehen, aber es erschütterte mich viel stärker als der Tod von meinem ersten Mann Fritz.
Fritz war ein Nachbarsjunge gewesen. Ich kannte ich von frühester Jugend an. Wir hatten zusammen Frösche gefangen, auf Bäumen gesessen und manchen Weg zur Schule gemeistert. Unsere Ehe war, ich will nicht sagen, arrangiert, aber so fügte sich das auf dem Dorfe eben. Er hatte sein Auskommen und ich kannte und mochte ihn und galt als heiratsfähig.
Liebe? Danach fragte niemand so wirklich. Liebe würde schon wachsen. Aber sie konnte bei uns gar nicht wachsen, es gab dafür keine Gelegenheit. Erst der zweijährige Wehrdienst 37 – 39 und dann, wir waren gerade einmal ein viertel Jahr verheiratet, dann kam der Polenfeldzug. Fritz gleich mit dabei. Dann wurde er im Winter 40 noch einmal für ein Vierteljahr beurlaubt, aber aufgrund des anstehenden Westfeldzuges musste er bereits Ende Februar wieder zu seiner Einheit. In den Tagen vor seiner Abfahrt war unser Sohn entstanden, der nach dem Vater Fritz hieß.

Bei Karl war es anders gewesen. Das war Liebe, Liebe auf den ersten Blick und obwohl wir uns auch kaum gesehen hatten, im Grunde nur vier Mal und nur etwa vier Wochen unseres Lebens miteinander verbracht haben, war eine intensive Beziehung gewachsen, verbreitert und vertieft durch unzählige häufig sehr zärtliche Briefe, die Hin und Her gegangen waren. Fritz war nie der Schreiber gewesen, Karl schon.

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