Von der Mannwerdung

Margot – Eine Geschichte unter vielen in ihrer Zeit – Teil 2

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Von der Mannwerdung

Von der Mannwerdung

Svenja Ansbach

Mehr als ein Jahr war vergangen. Es war ein schöner Spätsommertag des Jahres 1942. Ich goss gerade die Blumen vor dem Haus, als ich den einzelnen Soldaten vom Dorfplatz herüberkommen sah. Karl? - Tatsächlich, es war Karl! Älter war er geworden, die Front hatte ihn zum Mann gemacht. Sein Gesicht markanter, kantiger als damals, geziert von einem nicht ganz vorschriftsmäßigen Dreitagebart.
Als er mir gegenüberstand, grinste er verlegen: „Guten Tag, Margot!“
Mir fiel nichts Gescheiteres ein, als „Grüß dich Karl, das ist ja eine Überraschung. Komm herein.“
Er folgte mir in die Küche, ging in die Knie und begrüßte meinen Sohn, der im Laufstall saß und vor sich hin brabbelte.
„Setz dich, erzähl ... Mensch, gut schaust du aus!“
Ich betrachtete seine Uniform, auf dem Ärmel die beiden Winkel eines Obergefreiten, an der Brusttasche das ‚EK zwei‘ und ein Verwundetenabzeichen in Schwarz.
„Da gibt es nichts zu erzählen, ich hab's überlebt – bisher …“, antwortete er wortkarg.
„Bin auf Urlaub nach Dortmund gefahren. Wir sind komplett ausgebombt. Meine Eltern wohnen jetzt in einer Gartenlaube. In der Enge habe ich es nicht ausgehalten.“
Damit erschöpfte sich seine Erzählung. Ich hatte meine Hand auf seiner liegen, schaute ihn an und insistierte nicht weiter. Wenn er erzählen wollte, würde er es schon noch tun.
Ich setzte ihm etwas zu Essen vor und dankbar vertilgte er alles. Er schien wirklich Hunger zu haben.
„Wie lange hast du noch Urlaub?“
„Eine Woche habe ich noch!“
„Das ist schön, bleibe die Zeit gerne bei mir.“
Danach saßen wir lange vor dem Haus, sprachen aber wenig.
Als es längst dunkel war, gingen wir hinein. Ich machte ihm den verwaisten Platz in meinem Ehebett fertig. Aneinander gekuschelt, ohne dass sonst etwas passierte, schliefen wir ein.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, legte ich Karl Zivilklamotten raus. Die hatte ich noch von Fritz. Sie wegzuwerfen, war mir damals falsch erschienen. Sie passten Karl einigermaßen.
Der Tag versprach wunderschön zu werden und ich packte einen Picknickkorb, lächelte Karl an und sagte: „Den Tag verbringen wir an meinem Lieblingsplatz. Den Lütten bringen wir zu meiner Mutter. Erschrick dich nicht, sie trägt Schwarz, aber das schon seit 1936, solange ist mein Vater bereits tot.“

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